• Der Tiger


    Tiger, Tiger, hell entfacht
    In den Waldungen der Nacht,
    Welches Gottes Aug und Hand
    Nur dein entsetzlich Gleichmaß band?


    Welcher Himmelsabgrund kennt
    Feuer, das im Aug dir brennt?
    Wessen Flügel war Bedräuer?
    Welche Hand griff nach dem Feuer?


    Welche Schulter, welch Gesetz
    Flocht dein Herz als sehnig Netz?
    Und als erstmals schlug voll Grauen,
    Welche Schreckenhand und Klauen?


    Was der Hammer? Was das Feuer?
    Und dein Hirn in welcher Esse?
    Amboß was? Wes Griff gepreßt
    Hielt dein tödlich Schreckenbild fest?


    Als die Sterne Speere schossen
    und Tränen in den Himmel gossen,
    Sah lächelnd Er Sein Werk vor Sich?
    Schuf Er, der auch das Lamm schuf, dich?


    Tiger, Tiger, grelle Pracht
    in den Dickichten der Nacht,
    Welches Gottes Aug und Hand
    Mut für dein furchtbar Gleichmaß fand?


    William Blake, (1757 - 1827), "The Tiger"

  • Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
    sind Schlüssel aller Kreaturen,
    wenn die, so singen oder küssen,
    mehr als die Tiefgelehrten wissen,
    wenn sich die Welt ins freie Leben
    und in die Welt wird zurück begeben,
    wenn dann sich wieder Licht und Schatten
    zur echten Klarheit werden gatten,
    und man in Märchen und Geschichten
    erkennt die ewgen Weltgeschichten,
    dann fliegt von einem geheimen Wort
    das ganze Verkehrte Wesen fort.


    (Novalis)

  • Als Eva aus dem Paradies
    von Gott dem Herrn verstoßen,
    gar schuf ihr Schmerz der harte Kies
    an ihrem Fuß den bloßen.
    Das jammerte den Herrn;
    ihr Füßchen hat er gern
    und seinem Engel rief er zu:
    "Da mach der armen Sündrin Schuh!
    Und da der Adam, wie ich seh',
    an Steinen dort sich stößt die Zeh',
    dass recht fortan
    er wandeln kann
    so miß dem auch Stiefel an!"


    O Eva, Eva! Schlimmes Weib,
    das hast du am Gewissen,
    dass ob der Füß' am Menschenleib
    jetzt Engel schustern müssen.
    Bliebst du im Paradies,
    da gab es keinen Kies.
    Um deiner jungen Missetat
    hantier' ich jetzt mit Ahl' und Draht
    und ob Herrn Adams übler Schwäch'
    versohl ich Schuh' und streiche Pech.
    Wär' ich nicht fein,
    ein Engel rein,
    Teufel möchte Schuster sein.


    O Eva! Hör' mein'n Klageruf,
    mein Not und schwer Verdrüssen.
    Die Kunstwerk, die ein Schuster schuf,
    die tritt die Welt mit Füßen!
    Gäb nicht ein Engel Trost,
    der gleiches Werk erlost
    und rief mich oft ins Paradies,
    wie ich da Schuh' und Stiefel ließ!
    Doch wen mich der im Himmel hält,
    dann liegt zu Füßen mir die Welt,
    und bin in Ruh'
    Hans Sachs ein Schuh-
    macher und Poet dazu!


    (Richard Wagner)

  • Mondnacht


    Es war, als hätt' der Himmel
    Die Erde still geküsst,
    Dass sie im Blütenschimmer
    Von ihm nun träumen müsst.

    Die Luft ging durch die Felder,
    Die Ähren wogten sacht,
    Es rauschten leis' die Wälder,
    So sternklar war die Nacht.

    Und meine Seele spannte
    Weit ihre Flügel aus,
    Flog durch die stillen Lande,
    Als flöge sie nach Haus.


    Joseph von Eichendorff

    [size=8]So, what you're saying is that the only alternative is to show up and play by everyone else's stupid rules??
    Of course not. You can cheat. A crooked player is a pain in the ass, but someone who refuses to play at all makes them start questioning their own lives - and people HATE to think. They'd rather lose to a cheater than dwell too long on why they're playing in the first place.

  • Ein Gedicht von Seelenherz, wunderschön mit wenigen Worten die schönste Nebensache der Welt beschrieben.




    Glückseligkeit



    schemenhaft


    im fahlen Mondlicht


    leuchtet dein Körper


    Hitzeperlen rinnen


    lockend zwischen deinen


    Wölbungen hinab


    male aus Tropfen


    deinen Namen


    auf seidener Haut



    Küsse zündeln


    Liebesfeuer und nähren


    die Glut unserer Lust


    nicht gesprochene Worte


    streicheln schamhaft


    himbeermond



    traumversunken


    schreit Sehnsucht


    nach Erfüllung


    im honigsüßen Fluss


    der Leidenschaft



    ermattend lese ich


    in deinen Augen


    unserer wiederkehrende


    Glückseligkeit.



    *© Seelenhe

    rz…14.07.2005*

  • So viele wunderschöne Zeilen stehen hier geschrieben, man könnte darüber viele Stunden sinnieren. Poesie ist ein wunderbares Ausdrucksmittel.


    Ich möchte ein paar minimalistische Zeilen beisteuern, die mir meine Inspiration einst einmal geschenkt hat. Im Nachhinein fand ich sie für den Moment passend.


    Zeitlos


    Tick, Tack
    Sekunden im Takt
    verfließen


    Apathisch
    Lethargisch
    Nur eine Sekunde
    verrinnt
    Nur eine Sekunde
    Zeit
    die wir verlieren
    Nur eine Sekunde


    Tick, Tack
    Sekunden im Takt
    verfließen

  • Und noch mal was von einem bedeutenden Romantiker:


    Belsazar


    Die Mitternacht zog näher schon;
    in stummer Ruh lag Babylon.
    Nur oben in des Königs Schloss,
    da flackert's, da lärmt des Königs Troß.
    Dort oben in dem Königssaal,
    Belsazar hielt sein Königsmahl.
    Die Knechte saßen in schimmernden Reihn,
    und leerten die Becher mit funkelndem Wein.
    Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht;
    so klang es dem störrischen König recht.


    Des Königs Wangen leuchtende Glut;
    im Wein erwuchs ihm kecker Mut.
    Und blindlings reißt der Mut ihn fort;
    und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.
    Und er brüstet sich frech und lästert wild;
    die Knechtenschar ihm Beifall brüllt.


    Der König rief mit stolzem Blick;
    der Diener eilt und kehrt zurück.
    Er trug viel Gerät auf dem Haupt;
    das war aus dem Tempel Jehovas geraubt.
    Und der König ergriff mit frevelnder Hand
    einen heiligen Becher, gefüllt bis zum Rand.


    Und er leert ihn hastig bis auf den Grund,
    und rufte laut mit schäumenden Mund:
    "Jehova! Dir künd ich auf ewig Hohn -
    ich bin der König von Babylon!"
    Doch kaum das grause Wort verklang,
    dem König ward's heimlich im Busen bang.
    Das gellende Lachen verstummte zumal;
    es wurde leichenstill im Saal.


    Und sieh! Und sieh! An weißer Wand
    da kam's hervor wie Menschenhand.
    Und schrieb und schrieb an weißer Wand
    Buchstaben von Feuer und schrieb und schwand.
    Der König stieren Blicks dasaß,
    mit schlotternden Knien und totenblass.
    Die Knechtschar saß kalt durchgraut
    und saß gar still, gab keinen Laut.


    Die Magier kamen, doch keiner verstand
    zu deuten die Flammenschrift an der Wand.
    Belsazar ward aber in selbiger Nacht
    von seinen Knechten umgebracht.


    (Heinrich Heine)

  • "Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren" von Novalis war im diesjährigen Abitur (Sachsen) im Leistungskurs Deutsch ein Thema...



    Der Panther - Rainer Maria Rilke


    Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
    so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.


    Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
    der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
    ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
    in der betäubt ein großer Wille steht.


    Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
    sich lautlos auf - Dann geht ein Bild hinein,
    geht durch der Glieder angespannte Stille -
    und hört im Herzen auf zu sein.

  • Wir durften uns im Abitur mit sowas wie "Störfall" oder "Billiard um halbzehn" rumschlagen... -,-


    Ich kann beide Werke nicht recht als Literatur für die Abendstunden empfehlen

    ▬|█████████|▬ This is Nudelholz. Copy Nudelholz into your profile to make better Kuchens or other Teigprodukte!


    Trenne niemals Müll,
    denn es hat nur eine Silbe.


    2 + 2 = 3, für kleine Werte von 2

  • Was es ist


    Es ist Unsinn
    sagt die Vernunft
    Es ist was es ist
    sagt die Liebe


    Es ist Unglück
    sagt die Berechnung
    Es ist nichts als Schmerz
    sagt die Angst
    Es ist aussichtslos
    sagt die Einsicht
    Es ist was es ist
    sagt die Liebe


    Es ist lächerlich
    sagt der Stolz
    Es ist leichtsinnig
    sagt die Vorsicht
    Es ist unmöglich
    sagt die Erfahrung
    Es ist was es ist
    sagt die Liebe


    *Erich Fried*

  • Als ich mich zu lieben begann


    Als ich mich selbst zu lieben begann,
    habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit,
    zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin
    und dass alles, was geschieht, richtig ist –
    von da an konnte ich ruhig sein.
    Heute weiß ich: Das nennt man VERTRAUEN.


    Als ich mich selbst zu lieben begann,
    konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid
    nur Warnungen für mich sind, gegen meine eigene Wahrheit zu leben.
    Heute weiß ich: Das nennt man AUTHENTISCH SEIN.


    Als ich mich selbst zu lieben begann,
    habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen
    und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war.
    Heute weiß ich, das nennt man „REIFE“.


    Als ich mich selbst zu lieben begann,
    habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben,
    und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen.
    Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude macht,
    was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt,
    auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo.
    Heute weiß ich, das nennt man EHRLICHKEIT.


    Als ich mich selbst zu lieben begann,
    habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war,
    von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen
    und von Allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst.
    Anfangs nannte ich das „Gesunden Egoismus“,
    aber heute weiß ich, das ist „SELBSTLIEBE“.


    Als ich mich selbst zu lieben begann,
    habe ich aufgehört, immer recht haben zu wollen,
    so habe ich mich weniger geirrt.
    Heute habe ich erkannt: das nennt man DEMUT.


    Als ich mich selbst zu lieben begann,
    habe ich mich geweigert, weiter in der Vergangenheit zu leben
    und mich um meine Zukunft zu sorgen.
    Jetzt lebe ich nur noch in diesem Augenblick, wo ALLES stattfindet,
    so lebe ich heute jeden Tag und nenne es „BEWUSSTHEIT“.


    Als ich mich zu lieben begann,
    da erkannte ich, dass mich mein Denken
    armselig und krank machen kann.
    Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte,
    bekam der Verstand einen wichtigen Partner.
    Diese Verbindung nenne ich heute „HERZENSWEISHEIT“.


    Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen,
    Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten,
    denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander
    und es entstehen neue Welten.
    Heute weiß ich: DAS IST DAS LEBEN !


    Charlie Chaplin
    an seinem 70. Geburtstag am 16. April 1959

  • Einsam will ich untergehn
    Clemens Brentano


    Einsam will ich untergehn,
    Keiner soll mein Leiden wissen!
    Wird der Stern, den ich gesehn,
    Von dem Himmel mir gerissen,
    Will ich einsam untergehn
    Wie ein Pilger in der Wüste.
    Einsam will ich untergehn
    Wie ein Pilger in der Wüste!
    Wenn der Stern, den ich gesehn,
    Mich zum letzten Male grüßte,
    Will ich einsam untergehn
    Wie ein Bettler auf der Heide.


    Einsam will ich untergehn
    Wie ein Bettler auf der Heide!
    Gibt der Stern, den ich gesehn,
    Mir nicht weiter das Geleite,
    Will ich einsam untergehn
    Wie der Tag im Abendgrauen.


    Einsam will ich untergehn
    Wie der Tag im Abendgrauen!
    Will der Stern, den ich gesehn,
    Nicht mehr auf mich niederschauen,
    Will ich einsam untergehn
    Wie ein Sklave an der Kette.
    Einsam will ich untergehn
    Wie der Sklave an der Kette!
    Scheint der Stern, den ich gesehn,
    Nicht mehr auf mein Dornenbette,
    Will ich einsam untergehn
    Wie ein Schwanenlied im Tode.


    Einsam will ich untergehn
    Wie ein Schwanenlied im Tode!
    Ist der Stern, den ich gesehn,
    Mir nicht mehr ein Friedensbote,
    Will ich einsam untergehn
    Wie ein Schiff in wüsten Meeren.


    Einsam will ich untergehn
    Wie ein Schiff in wüsten Meeren!
    Wird der Stern, den ich gesehn,
    Jemals weg von mir sich kehren,
    Will ich einsam untergehn
    Wie der Trost in stummen Schmerzen.


    Einsam will ich untergehn
    Wie der Trost in stummen Schmerzen!
    Soll den Stern, den ich gesehn,
    Jemals meine Schuld verscherzen,
    Will ich einsam untergehn
    Wie mein Herz in deinem Herzen

  • Passend zur Sommerzeit - eines meiner Lieblinge:



    Mählich durchbrechende Sonne


    Schönes,
    grünes, weiches
    Gras.
    Drin
    liege ich.
    Inmitten goldgelber
    Butterblumen!


    Über mir ... warm ... der Himmel:


    Ein
    weites, schütteres,
    lichtwühlig, lichtblendig, lichtwogig
    zitterndes
    Weiß,
    das mir die
    Augen
    langsam ... ganz ... langsam
    schließt.


    Wehende ... Luft ... kaum merklich
    ein Duft, ein
    zartes . . . Summen.


    Nun bin ich fern
    von jeder Welt,
    ein sanftes Rot erfüllt mich ganz, und
    deutlich . . . spüre ich . . . wie die
    Sonne
    mir durchs Blut
    rinnt.


    Minutenlang.


    Versunken
    alles . . . Nur noch
    ich.


    Selig!



    *Arno Holz*

  • Wir sind zwei Fliegen, -
    fliegen weit, so weit,
    und sind so nah,
    so nah und nicht weit
    gekommen


    Hügel, Berge, Klüfte, -
    fließen tief, so tief,
    und sind so steil,
    so steil, nie kleiner
    geworden


    Zu tief, oh Himmel!
    wir brechen entzwei,
    so allein, wir zwei,
    wir sind entzwei
    gebrochen


    Nun allein, fliege
    ich so tief und
    bin allein, so
    allein und im Herzen
    gebrochen


    Da!, eine Fliege,
    die fliegt so weit,
    endlich weit, so tief, -
    für mich in die Tiefe
    geflogen


    Komm!, Fliege, flieg!
    flieg' hinein!, ins Tief,
    ins Nichts, rette nichts
    als mich und ich bin
    gerettet


    aus der eigenen Feder in einer merkwürdigen Stunde